Das Jahr 2011

Gastfreundschaft ist...

29. Juni 2011. Knapp zu spät beim sfd.
Fängt ja klasse an, die deutsche Gastfreundschaft.
Nur ein Glück, dass die Minsker selbst zur selben Zeit eintreffen wie ich.
Freudige Begrüßung, als wären es alles alte Bekannte.
Eine Woche ist das erst her, seit wir uns wieder auf den Rückweg gemacht haben, diese Stadt verlassen haben, in der nicht nur Mama Svetlana uns mitoffenen Armen begrüßt hat, in der wir so eine krasse Form der Freundlichkeit
erlebt haben. Die große Frage: Wie wird das wohl bei uns laufen...?
Anders,das steht fest.
Was heißt das überhaupt, Gastfreundschaft?
Jaques Derrida meint, die wahre Gastfreundschaft „öffnete sich“, bestünde für
jeden, der des Weges kommt, egal, was für einen Charakter er oder sie habe.
Die offenen Arme und das liebe Lächeln bei der Begrüßung sind also gar nicht
so falsch am Platz.
Um mich an einem anderen, mir fremden Ort wohl zu fühlen, brauche ich Menschen, die mir sympathisch sind.
Welche, die mit mir Erlebnisse teilen, die mit mir reden, die offen mit mir umgehen.Menschen, die ebenfalls Fremde an diesem Ort sind sowie Menschen, diediesen Ort bewohnen, und mir darüber erzählen können.
Wieso komme ich auf den ganzen Kram? Ich fahre zu jemandem, den ich nicht kenne, lerne diese Person innerhalb einer Woche kennen und dann kommt siezu mir, wo ist das Problem?
In Minsk ging es Frieda und mir richtig gut. Wir hatten immer eine liebe Familie um uns herum, die uns zu jeder erdenklichen Zeit betüdelt hat, und nun sollte Alena hier zu mir, wo ich mich komplett selbst um sie kümmern musste, denn bei mir zu Hause gibt es niemanden, der für sie kocht, der alles bereitstellt, um 5 Uhr morgens aufsteht, um Kartoffelpuffer zu machen.
Wegen meiner Arbeit war ich immer früher weg als sie, konnte also nur sagen:
Schaut in den Kühlschrank und nehmt euch, worauf ihr Lust habt!
Gastfreundschaft ist ungeplant und steckt in keinem festen Rahmen.Ich bin diejenige, die sich um Zehn abends hingestellt hat und noch Pfannkuchen gebacken hat, weil Julia und Alena Hunger hatten.
Sie folgt keinem Zeitplan, ihr einzig elementarer Bestandteil ist Interesse an anderen Menschen und Spaß daran, Zeit mit ihnen zu verbringen.
Ich bin diejenige, die sich mit auf ́s Bett von den beiden setzt und mit ihnen bis eins klönt, obwohl sie um 6.30 wieder aufstehen muss.
Gastfreundschaft bringt einiges durcheinander, zeigt einem selbst mitunter eine andere Seite, die vorher eventuell noch unbekannt war.
Ich hocke am Freitag beim sfd, und da sagt ihr Minsker, wir müssten euch noch mal besuchen, damit ihr euch auch richtig um uns kümmern könnt, weil ihr hier erst gesehen hättet, wie weit Gastfreundschaft geht, und das bei euch Firlefanz war – klar, nach Minsk kommen wir gerne wieder, aber was war denn bei euch bitte nicht gastfreundschaftlich?!
Bei uns hatte sie nur eine andere Form, weil wir ganz anders leben, und gerade das ist das Interessanteste daran.
Ich bin nicht diejenige, die jeden Tag stundenlang Essen vorbereitet, und auch nicht diejenige, die immer bei euch ist, egal was ihr macht und was ich will, aber ich bin diejenige, die euch liebend gerne hier hatte, die euch geholfen hat und bei euch war, wenn immer es möglich war und der Pegel nicht zu hoch war. Ich bin diejenige, die jetzt erst traurig ist, dass ihr weg seid und wir immer noch hier, weil ich erst im Nachhinein verstehe, wie viel mir diese Reise gebracht hat und dass ich eine Gruppe von Menschen getroffen habe, die mir in guter Erinnerung bleiben werden – falls wir uns nicht wieder sehen. Aber daran arbeiten wir ja.
 
Philine Schall
Minskbroschüre 2011
Minsk 2011 komplett_web.pdf
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