Das Land Belarus

Obwohl es die Bezeichnung „Belarus“ für den ehemaligen GUS-Staat Weißrußland seit 1991 gibt, wissen immer noch recht wenige Menschen etwas mit diesem Namen anzufangen.

 

Ganz traurig wird es, wenn man fragt, was sie denn über Belarus wissen. Das Land und seine Bevölkerung scheinen ein eigenartiger weißer Fleck in der europäischen Landschaft zu bilden. Zumal sein ähnlich klingender Name mit Russland immer vermuten lässt, es handele sich hier um einen Teil des großen Nachbars. Dabei sind die Weissrussen, die 84 % der Bevölkerung ausmachen, ein eigenständiges Volk mit eigner Sprache. Belarus hat ca. 9,4 Mio EinwohnerInnen mit rückläufiger Tendenz.

 

Alle Jahre wieder (2010, davor 2006) sorgt das autoritäre Regime durch sein drastisches Vorgehen gegen die TeilnehmerInnen und PolitikerInnen der belarussischen Opposition für negative Schlagzeilen im Westen. Jüngst waren es auch die Todesurteile gegen zwei mutmaßliche jugendliche Attentäter, die in der Minsker U-Bahn eine Bombe explodieren ließen, bei der mehrere Menschen starben.

 

Schon lange ist Belarus aber als „letzte Diktatur Europas“ verschrien, allen Bemühungen des Westens zum Trotz hält sich der Präsident Lukaschenko souverän an der Macht und hat nach wie vor in weiten Teilen der Bevölkerung einen doch breiteren Rückhalt als man hier oft wahrhaben will. Ergänzend sollte man anmerken, dass dieser Rückhalt im letzten Jahr durch die Wirtschaftskrise und die damit verbundene hohe Inflation langsam sinkt.

 

Ein paar Fakten zu Belarus:

 

seit 1991 unabhängiger Staat

 

seit 1994 von Aleksander Lukaschenko regiert, der nach mehreren

Referenden seine auf sieben Jahre beschränkte Amtszeit bis zu seinem Lebensende erweitern ließ. Letzte Wiederwahl war nun 2015.

 

Auf dem Papier ist Belarus eine Republik mit Parlament, faktisch aber hat Lukaschenko alle Macht in den Händen (z.B. benennt und erlässt er Minister und Direktoren wichtiger Staatsbetriebe und Banken). Er regiert mittels Dekreten und Erlässen, die oft sehr willkürlich wirken und unmittelbare Auswirkung auf das Leben der Bevölkerung haben (z.B. Kinder aus „unmoralischen“ Familien dürfen in staatliche Obhut gegeben werden).

 

Es gibt kaum noch unabhängige Zeitungen in Belarus, der Zugang zu den Medien ist für die Opposition sehr schwer bis unmöglich geworden. Reporter müssen immer wieder mit Gefängnisstrafen und Ausweisung rechnen. Nichtstaatliche Organisationen werden vom Staat in keinster Weise gefördert und sind einer Vielzahl von bürokratischen Regelungen unterworfen, die eine Arbeit sehr erschweren und oft verhindern (z.B. werden von offiziellen Fördergeldern mit ausländischen Projektpartnern ca. 30 % vom Staat als Steuern einbehalten).

 

Zwar liegt das durchschnittliche Monatseinkommen nur bei ca. 400 US-Dollar (2013), dennoch gilt das Land als wohlhabend und prosperierend gegenüber den anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Die Menschen haben Arbeit und bekommen ihren Lohn bzw. ihre Renten regelmäßig. Viele Menschen haben oft mehrere kleine Jobs um sich über Wasser zu halten. Inoffizielle Währung sind US-Dollar und Euro.

 

Belarus hat die größte Polizei- und Militärdichte gemessen an der Einwohnerzahl in ganz Europa. Daher gilt die Hauptstadt im Vergleich zu anderen europäischen Hauptstädten als sehr sicher für Touristen. Allerdings ist die Korruption wiederum so hoch, was der westeuropäische Besucher sehr verwirrend ist. So lassen sich durch kleinere Geldbeträge oft längere Unannehmlichkeiten mit den Behörden rasch beseitigen.

 

Belarus ist das von der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl (1986) am meisten betroffene Land gewesen, die Folgeschäden sind auch heute noch unübersehbar: Ackerbau und Viehzucht sind im Süden der Republik nahezu unmöglich. Regelmäßig werden Kinderverschickungen aus den betroffenen Regionen veranstaltet, um den Kindern eine höhere Lebenserwartung zu ermöglichen.

Im zweiten Weltkrieg wurde Belarus von der Wehrmacht besetzt und ca. 1/3 der Bevölkerung umgebracht. Allein die Hauptstadt Minsk wurde zu 95 % zerstört und fast die gesamte jüdische Bevölkerung im Land ausgerottet. Kaum einer weiß, dass sich in Minsk das größte jüdische Ghetto Europas befand, auch aus Deutschland wurden jüdische MitbürgerInnen nach Minsk geschickt, vornehmlich aus Hamburg, Bremen und Berlin. Während des zweiten Weltkriegs hatte Belarus die größte Partisanenbewegung Europas.

 

Und es gibt noch so vieles mehr zu berichten …

Druckversion Druckversion | Sitemap
© sfd Bremen