Minsk, Mailand oder Madrid?

Oder: Was waren 1994 die Motive für den SFD, Begegnungsreisen nach Belarus zu organisieren?

 

Wenn man nach Belarus fährt, dann nicht, um dort Pizza oder Paella zu essen. Obwohl man in Minsk gute Pizzas in den Restaurants essen kann, ist es genau umgekehrt. Man fährt nach Belarus, eben weil man mit dem Land nicht die Dinge verbindet, die man mit dem Rest von Europa verbindet.

Dies ist das Motiv, warum der SFD vor nunmehr über zehn Jahren die Entscheidung getroffen hat, mit einer Gruppe von Zivildienstleistenden ein Mal im Jahr für zehn Tage in die belarussische Hauptstadt nach Minsk zu fahren. Es geht darum, ein unbekanntes Land kennen zu lernen und nicht, wie in Mailand oder Madrid, vieles vorzufinden, was wir auch von Bremen her kennen – abgesehen von den viel besseren Wetterverhältnissen dort.

 

Interessant wird es in Minsk, wenn man sich dort mit Menschen über die Dinge unterhält, die alltäglich sind. Dann merkt man, dass Minsk doch wie Mailand oder Madrid quasi um die Ecke liegt und es unerwartete Ähnlichkeiten gibt: dass sich junge Menschen die Frage stellen, was sie erreichen wollen; dass sie aktiv sind und sich engagieren für das, was ihnen wichtig ist, dass die jungen Männer sich Gedanken machen, wie man um die Militärzeit herumkommt. Aber auch in Fragen des Musikgeschmacks oder in Klamottenfragen kommt man sich nahe.

Es geht also darum, in den Unterschieden die Ähnlichkeiten kennenzulernen und in den Ähnlichkeiten die Unterschiede. Und letztere gibt es natürlich auch genug. Vieles lässt sich nicht vergleichen: Der Druck der politischen Obrigkeit, das klägliche soziale System, die Ausstattung in den Schulen und Universitäten, die Folgen der atomaren Katastrophe von Tschernobyl, der alltägliche Kampf um die lebensnotwendigen Bedürfnisse – um nur einiges zu nennen.

Zu Beginn, im Jahr 1994, waren wir der Überzeugung, dass im Osten wichtige Dinge passieren, die für unser gemeinsames Europa wichtig sind und dass die Chance besteht, in Minsk Menschen zu begegnen, die in den Jahrzehnten zuvor häufig als unsere Feinde dargestellt wurden. Schon während der ersten Reise wurde nach wenigen Augenblicken klar, wie lächerlich solche Zuschreibungen gewesen waren und wie spannend eine solche Reise sein kann.

 

Geschichten gäbe es genug zu erzählen. Dafür fehlt hier der Platz. Aber zwei feste Prinzipien gibt es von Anfang an. Zum einen, dass auf jeder Reise irgend etwas Unerwartetes geschieht, zum anderen, dass das Projekt sich seit 1994 immer wieder gewandelt hat. So kamen 1997 erstmals Gäste aus Minsk nach Bremen. Dann haben wir verschiedene kleinere karitative Aktionen gestartet. Dann hat der SFD Freiwillige aus Belarus zu einem Freiwilligen Sozialen Jahr eingeladen, dann haben wir gemeinsam mit unseren Minsker Freunden viele Seminare zum Thema „Zivilcourage“ durchgeführt, für die wir sogar zusätzlich staatliche Gelder und Stiftungsmittel bekommen haben und schließlich gelingt es uns immer wieder junge Belarussen im Rahmen des Europäischen Freiwilligendienstes für ein Jahr nach Bremen zu holen.

Alles, was Uwe Fredrich und Berit Krumbein jedes Jahr von ihren Abenteuern erzählen, zeigen, dass diese Prinzipien bis heute gelten. Alle, die einmal mit in Minsk waren oder zu Gast in Bremen, hoffen gemeinsam mit uns, dass dies noch lange so bleiben wird.

 

Dr. Gerd Placke (2003)

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